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Mit Freund und Familie gegen den digitalen Graben

Der Bündner Microsoft-Manager Jon Erni will seine Unterengadiner Heimat von dem kommerziellen Siechtum bewahren. Die Basis ist sein breites persönliches Netzwerk.
  • von Giorgio V. Müller
(Illustration: Christoph Fischer)

Das Phänomen kennen viele abgelegene Alpentäler, ob Oberwallis, Glarnerland, Leventina, Maggiatal oder eben das Engadin: Ausserhalb des Tourismus – der wegen des starken Frankens ohnehin leidet – gibt es dort zu wenige attraktive Arbeitsplätze, welche die jüngeren Bewohner von einem Wegzug abhalten könnten. Je digitaler die Geschäftswelt wird, desto schwerer wiegt das Manko, dass in diesen landschaftlich reizvollen Gebieten die technische Infrastruktur fehlt. Im Unterengadin haben sich im Pilotprojekt «Mia Engiadina» nun ein paar Zeitgenossen gefunden, die dem stillen Siechtum ihrer Heimat nicht mehr länger tatenlos zusehen wollten. Spiritus Rector dieses Projekts ist der 48-jährige Jon Erni, der in seiner Haupttätigkeit seit gut zwei Jahren das Grosskundengeschäft von Microsoft Schweiz leitet, jüngst aber fast mehr Zeit für sein leidenschaftlich verfolgtes Projekt aufwenden musste, was ihn viele Abende und Wochenenden kostete.

Der dritte Ort

«Mia Engiadina» bezweckt, das Unterengadin für Wissensarbeiter nach Wohn- und Arbeitsort zur bevorzugten dritten Basis (Your first Third Place – Teis prüm terz lö) zu machen. Für die Basisinfrastruktur wird die Region mit einem schnellen Glasfasernetz erschlossen. Weil das aber für den Erfolg noch nicht ausreicht, soll für die «Teilzeitengadiner» ein aus Unterkunft, Dienstleistungsangeboten für Arbeit und Freizeit sowie aus Räumen für gemeinsames Arbeiten und Lernen bestehendes Ökosystem errichtet werden. – Mit der Verlegung des Glasfaserkabels, für dessen Kosten dank einem Kuhhandel weitgehend der nationale Stromnetzbetreiber Swissgrid aufkommt, wird Anfang 2017 begonnen. Für den Infrastruktur-Teil zeichnet die Engadiner Kraftwerke AG verantwortlich, wo der frühere Gemeindepräsident von Scuol und Präsident der Korporation der Konzessionsgemeinden, Not Carl, im Verwaltungsrat sitzt.

Zusammen mit seinem Jagdkollegen Carl hat Erni schon mit Erfolg gegen die Schliessung des Hochalpinen Instituts Ftan gekämpft. Die grösste private Mittelschule des Kantons musste im vergangenen Sommer wegen Schülerschwunds und finanzieller Probleme kurz geschlossen werden. Auch Ernis Schwester Antonia verbrachte ihre Schulzeit am «Insti». Danach gingen beide an die ETH Zürich, Jon studierte Elektroingenieur, Antonia Informatik. Heute ist Antonia Albani Professorin am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen – und Projektleiterin von «Mia Engadina».

Ernis grosse Stärke ist es, die richtigen Leute für seine Ideen zu begeistern, seine Person aber nie in den Vordergrund zu stellen. Dazu greift er gerne auf sein privates und geschäftliches Netzwerk zurück. Kandidaten müssten eine hohe Sozialkompetenz mitbringen, Feuer für die Idee fangen und Top-Experten auf ihrem Gebiet sein, sagt Erni. Auf der langen Liste der involvierten Partner finden sich denn auch viele Schulfreunde und Weggefährten. Für die Kommunikation des Projekts konnte Erni die frühere Pressesprecherin von Microsoft gewinnen. Die Firma erlaubt es jeder Ländergesellschaft, solche Projekte zu verfolgen.

Geschickter Netzwerker

Nach dem Studium ging Erni als Projektleiter zu Alcatel, an Samstagen lehrte er am Hochalpinen Institut die Fächer Informatik, Physik und Mathematik. Nach der Fusion mit Lucent und dem Weggang des früheren Länderchefs war auch für ihn die Zeit gekommen, nach 14 Jahren sich wieder neu zu orientieren. Während knapp dreier Jahre arbeitete er in der Folge beim Telekomunternehmen Sunrise. Am Tag, als der Fusionsvertrag mit dem Konkurrenten Orange (heute Salt) unterzeichnet worden war, wurde ihm die Leitung des Geschäftskunden-Segments übertragen. Nachdem Marktführer Swisscom mit einem Bündelangebot einen Preiskampf losgetreten habe, dem Sunrise habe folgen müssen, und der Bereich Geschäftskunden das entstandene Ertragsloch habe stopfen müssen, habe er gekündigt, ohne einen neuen Job zu haben, sagt Erni.

Wenig erstaunlich ist, dass Sunrise das Glasfasernetz durchs Unterengadin legen wird. Die persönlichen Verflechtungen bezeichnet Erni als Gratwanderung. Der Erfolg des Projekts habe Priorität, doch er wolle keine Freundschaften riskieren. Auch im Geschäftlichen agiert er vorsichtig, er liebt abschätzbares Risiko. Jeder Schritt ist vorfinanziert. Ein Scheitern wäre für das Team zwar bedauerlich, aber kein grosser finanzieller Schaden. Jedem sei bewusst, dass er nicht das grosse Geschäft machen werde. Dafür werde jeder Teil von etwas Grossem sein, auf das noch Generationen zurückblicken würden.

Als quasi seinen vierten Ort bezeichnet der leidenschaftliche Jäger seine kleine Jagdhütte, die nicht digital erschlossen, aber dank eigens gebautem Kleinstwasserkraftwerk autonom ist. Und wenn der mit einer Sportärztin verheiratete Vater einer Tochter noch etwas Zeit übrig hat, frönt er dem Familien-Hobby, der Volksmusik. Von klein auf habe er Klarinette und Saxofon gespielt und später als Dirigent im Musikverein gewirkt. Sobald die Strukturen für «Mia Engiadina» stehen und ihn etwas entlasten, will er sich wieder intensiver seinem CD-Projekt widmen.

«Mia Engiadina» bezweckt, das Unterengadin für Wissensarbeiter nach Wohn- und Arbeitsort zur bevorzugten dritten Basis zu machen. (Bild: Imago)

«Mia Engiadina» bezweckt, das Unterengadin für Wissensarbeiter nach Wohn- und Arbeitsort zur bevorzugten dritten Basis zu machen. (Bild: Imago)

Über den Autor: erwin